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Vor 35 Jahren gab es im ganzen Landkreis keinen einzigen niedergelassenen Facharzt für Psychiatrie – psychische Erkrankungen waren noch sehr stark tabuisiert, aber natürlich gab es Bedarf an Beratung und Behandlung. Die erste Initiative, die Versorgung zu verbessern, ergriff die Caritas als Sozialdienst der katholischen Kirche mit der Gründung des Sozialpsychiatrischen Dienstes, der in diesem Jahr eine kleines „Jubiläum“ begeht.Über die Entstehungsgeschichte und die heutige Situation sprach unsere Zeitung mit der Dipl.-Psychologin Esther Rittner von der Beratungsstelle.

Rund 300 Menschen nehmen pro Jahr die Beratungsstelle in Anspruch – manche kommen für ein Informationsgespräch, andere werden über Jahre hinweg immer wieder begleitet. Der SpDi bietet Beratung an, keine Therapie. Dafür sind Psychotherapeuten zuständig. „Aber dort sind oft die Wartezeiten sehr lang und oft hilft eine Beratung gut weiter. Sie kann eine Person beispielsweise stabilisieren oder auch bei der Entscheidung helfen, welche Hilfe notwendig ist.“, so Rittner. Vor allem für Angehörige von psychisch Kranken ist eine solche Beratung oft enorm wichtig. „Wenn ich weiß, wie ich mit der Erkrankung umgehe, kann ich oft aus der Lebenssituation ganz viel Druck rausnehmen. Das ist von Vorteil für den Erkrankten und für sein Umfeld“, weiß die Psychologin. Das gilt vor allem für den Umgang mit Depressionen oder Angststörungen, aber sogar bei Borderline-Erkrankungen, bei der ein hoher Leidensdruck der Angehörigen herrscht. Vor allem, wenn diese nicht wissen, wie man mit den Gefühlsschwankungen der Betroffenen umgehen kann. Man kann da viele Folgen abmildern, deshalb sollten Angehörige auch früher Hilfe suchen“, empfiehlt sie. Standardlösungen gibt es natürlich nicht. „In einer Depression ist es für den einen gut, wenn ihn jemand aus seiner Isolation holt, andere lässt man besser einfach mal ausruhen“, erklärt Esther Rittner.
Während die Beratungsstelle bei Angehörigen oft einzige Anlaufstelle ist, fungiert sie bei Erkrankten meist als Entscheidungshilfe. In der Beratung wird nach Möglichkeit herausgeschält, ob der Klient unter einer psychischen Erkrankung leidet „manchmal durchleidet jemand einfach ein persönliches Tief, wegen Trauer, Arbeitsplatzverlust oder Trennung“, erklärt Esther Rittner. Dies ist mit Beratung oft gut lösbar, andere Klienten könnten dann auf Basis der Beratung entscheiden, ob sie in eine Psychotherapie gehen, oder einen Klinikaufenthalt wählen.
Heute arbeitet die Beratungsstelle sehr eng mit den Fachärzten und Psychotherapeuten der Region zusammen, in den Gründungsjahren musste die Caritas allerhand Vorbehalte überwinden, doch die Gründung fiel auch in eine Zeit des psychiatrischen Paradigmenwechsels. Schlagworte wie „Ent-Hospitalisierung“ und „ambulant vor stationär“ prägten den Diskurs. Nach und nach bauten sich ambulante, wohnortnähere Versorgungsstrukturen auf, gleichzeitig gab es auch mehr Betten im stationären Bereich – und mit der Entwicklung neuer Medikamente verbesserten sich die psychiatrischen Behandlungsmöglichkeiten.
Der frühere Caritas-Kreisgeschäftsführer Klaus Diedering war überzeugt, hier aktiv zu werden und so kam zum Beratungsdienst auch eine Wohngemeinschaft für jüngere psychisch kranke Menschen hinzu, zunächst vom Verein „hope e.V“ gegründet, dann von der Caritas übernommen. Immer wieder war die Finanzierung der Dienste ungesichert, doch auch der Staat erkannte das Problem und die Zuschüsse wurden zuverlässiger. Seit 1999 gibt es zudem das Sozialpsychiatrische Tageszentrum.
In den 35 Jahren des Bestehens fanden beim SpDi rund 50.000 Beratungsgespräche statt und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter machten etwa 10.000 Hausbesuche. In etwa 40 Prozent der Fälle nennen die Klienten Beschwerden und Symptome der so genannten affektiven Störungen zu denen die Depression gehört.
„Schwerwiegende psychische Erkrankungen können manchmal nicht geheilt werden. Diesen Klienten können wir aber Unterstützung und Hilfe anbieten, um mit den Problemen, die eine psychische Erkrankung mit sich bringt, besser umzugehen“, erklärt Esther Rittner die Aufgabe der Beratungsstelle. Oft kann Menschen in diesen Situationen durch Beratung weitergeholfen werden und nicht selten erhalten die Mitarbeiter die Rückmeldung: „Diese Gespräche haben mir wirklich geholfen“.
Anlässlich des Jubiläums blicken die Mitarbeiter mit Dankbarkeit zurück. Große Anerkennung gelte allen ehemaligen Mitarbeitern des SPDI Haßberge, die durch ihr Engagement den Dienst bekannter und den niederschwelligen Zugang zu Hilfe möglich gemacht haben. Natürlich auch der aktuellen Geschäftsführung des Caritas-Kreisverbandes, die immer ein offenes Ohr habe und jedes Jahr Eigenmittel in beträchtlicher Höhe bereitstellt „und natürlich allen Kooperationspartnern und unseren ehrenamtlichen Mitarbeitern“, so Esther Rittner. Weil psychische Erkrankungen zwar ein Stück weit enttabuisiert sind, aber Information immer noch wichtig ist, komm sie auch gerne zu Vorträgen zu Vereinen oder Verbänden zum Themenbereich psychische Gesundheit. Unsere Zeitung wird in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle im Laufe des Jahres eine Artikelserie zu verschiedenen Themenfeldern der psychischen Gesundheit veröffentlichen.

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