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Gedanken über den möglichen Umgang mit der Corona-Krise von Dipl. Psychologin Esther Rittner

Die Corona Krise erzeugt gerade sehr unterschiedliche Lebensrealitäten. Die einen haben ein stark erhöhtes Arbeitspensum und arbeiten nahezu rund um die Uhr. Andere, die nicht arbeiten dürfen oder können, sind in ein Leben der Abgeschiedenheit und des Alleinseins gedrängt. Manche erleben sogar beide Realitäten. Im Berufsleben am Limit und von Menschen umringt, müssen diese zu Hause alleine bleiben und versuchen, auch um Freunde und Verwandte mit erhöhtem Risiko zu schützen, sich vollständig zu isolieren. Wie kann man denn mit dieser Diskrepanz umgehen? Was macht man in Momenten des Alleinseins oder gar völliger Isolation?

Wir können diesen Zustand beklagen und verzweifeln. Wir können aber auch in uns gehen. Wir können das Alleinsein zelebrieren. Wir können die Stille in uns da sein lassen und loslassen. Die Hektik der letzten Monate oder Jahre nachklingen lassen wie eine einmal angeschlagene Saite auf einem Instrument.

Wir können uns fragen wer wir eigentlich sind und wozu wir da sind. Was fühlen wir? Henry David Thoreau, ein Schriftsteller, der Anfang des 19. Jahrhunderts in Amerika lebte, schrieb einmal: „Was vor uns liegt und was hinter uns liegt, sind Kleinigkeiten zu dem, was in uns liegt.“

Der, dem es gelingt wirklich im Jetzt zu leben, spürt oft einen gewissen Gleichmut. Was ist jetzt schon großartig zu erledigen? Was passiert jetzt, wenn mich gerade keiner hört oder keiner sieht. Vielleicht passiert gar nicht so viel. Das Innehalten lässt uns auf eine Stärke zugreifen die sonst immer in der Alltagshektik und der ständigen Kommunikation mit Anderen untergeht. Plötzlich hört man seine eigene innere Stimme - und diese sagt vielleicht gar nichts. Die eigene Stimme kann auch ein Gefühl sein, das sich einem plötzlich offenbart. Was ist das? Gelassenheit? Oder gar innerer Frieden?

Thoreau wusste um den Wert der Abgeschiedenheit. Er soll zwei Jahre in einer völlig abgelegenen Blockhütte gelebt haben. Er soll festgestellt haben, dass 6 Wochen Lohnarbeit im Jahr genügen um sich in einem bescheidenen Leben den Lebensunterhalt zu sichern. Die verbleibende Zeit konnte er nutzen, um zu lesen, zu schreiben, nachzudenken und die Natur zu erkunden.

Und ich stelle fest: Lesen, Schreiben und Natur erkunden…das können wir doch auch! Mir schießt das Wort „Kontemplation“ in den Sinn. Der Begriff steht für das behutsame in-sich-gehen, Übungen der Innehaltens und des Schweigens, meditieren und Gedanken nachspüren. Loslassen und abwarten und den inneren Raum spüren. Vielleicht ist jetzt die Zeit für Kontemplation.*

Esther Rittner, Sozialpsychiatrischer Dienst des Caritasverbandes für den Landkreis Haßberge e.V.

*Dabei benötigen Sie Unterstützung? Oder Sie haben das Gefühl, mit der aktuellen Situation immer schlechter umgehen zu können? Wenden Sie sich an den Sozialpsychiatrischer Dienst des Caritas Verbandes für den Landkreis Haßberge e.V. Hier werden Menschen mit psychischen Erkrankungen, aber auch Menschen mit akuten Krisen und Angehörige von psychisch Kranken beraten. Aktuell wird via Telefon oder Skype beraten. In akuten Krisen kann auch ein persönlicher Kontakt im Freien und mit Abstand stattfinden. Terminanfragen über: 09521/926550 oder per mail über Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Foto: John Mark Arnold/Unsplash

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